Mobilfunkjahre sind wie Hundejahre: Sie scheinen deutlich schneller zu vergehen als Menschenjahre. Denn was die Entwickler innerhalb von zwei Jahren Neues in die Geräte einbauen, ist so enorm, dass wir die Spielereien nur noch durchwinken und uns beim Kauf einfach darauf verlassen, dass das Neue um Längen besser ist. Wir brauchen einfach alle zwei Jahre ein neues Handy, weil das alte nicht mehr mithält und beim neuen nur noch eitel Sonnenschein herrscht. Meinen wir.
Die technische Uhr tickt deutlich schneller als der Sekundentakt: Aus Grünweißdisplay wird Farbdisplay wird Touchscreen. Aus GPRS wird UMTS wird HSPA+. Aus Infrarot wird Bluetooth wird WLAN. Und das alles innerhalb nur zweier Generationen. Also weg mit dem alten Ding, hieß es bei mir vor zwei Jahren. 2-Megapixel-Kamera? Ganz mieser Lautsprecherklang, nur 512 MB Speicher, fünf Tage Akkulaufzeit? Kein Bluetooth? Kein UMTS? Weg mit dem Fossil! Her mit dem Neuen.
Beim neuen Gerät glänzt längst nicht alles
Und so wechselte ich den Anbieter. Von Sony-Ericsson zu Nokia. Das neue Gerät war einfach klasse. Buchstäblich im Handumdrehen des unteren Handydrittels schaltet das Handy in Kamera- oder Jukebox-Modus. Und auch der Rest, einfach herrlich: 1 GB Speicher, UMTS, 3,2-Megapixel-Kamera. Praktisch alles, was das alte Handy nicht konnte, kann jetzt das Nokia.
Aber nach der Anfangseuphorie machte sich erstaunlich schnell Ernüchterung breit. Fünf Tage hat der Akku vom alten Handy gehalten, und beim neuen muss ich manchmal schon nach zwei Tagen wieder aufladen? Kann ja wohl nicht wahr sein! UMTS? Ganz nett, dass das neue Handy schneller ist, aber mit meiner miesen Tarifoption kann ich eh nur mal in Ausnahmefällen ins Internet gehen. Die Kamera? Absoluter Schrott. Höhere Auflösung als die alte aber auch viel mehr Rauschen und ganz üble Bilder. Das Handy aufladen? Nur, wenn man eine absurde Gummiklappe zur Seite schiebt. Die Buchse für das Aufladegerät ist so gut versteckt, dass man es im Dunkeln gar nicht findet. Bluetooth? Ist zwar drin, benutzt habe ich es aber maximal dreimal, um mir von Freunden in der Kneipe irgendwelche MP3s zuschicken zu lassen, die ich gar nicht haben wollte. Irgendwie wünschte ich mir immer sehnlicher mein altes Handy zurück, aber das war längst verkauft.
Altes Gerät ohne Kinderkrankheiten
Und nun steht bei mir im Sommer wieder ein neuer Handykauf an. Diesmal wird es auf jeden Fall ein Smartphone mit Touchscreen werden. WLAN muss rein, einen guten App Store muss es geben. Ich will unterwegs damit twittern können. Eine mobile Flatrate wird es geben, deutlich mehr Speicher, und auch der Lautsprecher wird besser sein. Aber ich ahne es bereits: Den Akku muss ich dann wahrscheinlich jeden Tag aufladen, die Kamera wird zwar 6 Megapixel haben, das Bild wird aber immer noch rauschen. Der Touchscreen wird schnell Kratzer bekommen, und von unterwegs twittern werde ich vielleicht nur zehnmal während der ganzen Vertragslaufzeit.
Und so habe ich mein aktuelles Nokia-Handy plötzlich wieder schätzen gelernt, und Dinge entdeckt, die mir vorher nicht aufgefallen waren. Der Akku hält drei Tage? Ist ja gar nicht mal so schlecht! Ich kann das Ding ja sogar als mobile Jukebox benutzen und selbst im Bad oder beim Kochen meine Musik hören, weil das Handy es robust ist. Ach: So einfach kann man beim SMS-Tippen zwischen Groß- und Kleinschreibung hin- und herschalten? Und klar: Ich kann damit ja sogar twittern! Dank 100 Frei-SMS im Monat sogar nicht zu knapp.
Ich werde mir im Sommer trotzdem ein neues Gerät zulegen. Ganz einfach, weil ich ins mobile Internet will und mit Apps herumspielen möchte. Trotzdem werde ich mein altes Handy diesmal nicht so schnell davonjagen. Einiges wird es immer noch besser können als jedes neue Gerät, und dafür werde ich es in Ehren halten. Denn, um beim Beispiel mit den Hundejahren zu bleiben: Oft zeigen sich erst im Alter Weisheit und Gelassenheit – und Kinderkrankheiten gibt es dann nicht mehr.
Jürgen Vielmeier schreibt normalerweise bei FreshZweiNull und sonntags auch auf Alles2null in seiner Kolumne Aufgefrischt.
Zeitgleich erscheint bei FreshZweiNull regelmässig Der SonntagsSörfer.





















